"Seeber jodelt. Und Millionen Fernsehzuseher freuen sich mit." Solche Zeitungsnachrichten liest man in den "Dolomiten" normalerweise nach Auftritten von Norbert Rier und den Kastelruther Spatzenjägern. Diesmal aber waren es die beiden extrem bergsteigenden H. SEEBER und HANS MUTSCHLECHNER mit ihrem "big brother" HANS KAMMERLANDER, die via Satellit vor dem deutschen Frühstückstisch jodelten. Nach wochenlanger Direktübertragung von der "Arena der Einsamkeit" erreichten sie Ende April den 6.828 m hohen Paradegipfel des Solo Khumbu in Nepal. Eine alpinistische Glanzleistung, wie Landeshauptmann Durnwalder in seinem Glückwunsch zum Ausdruck brachte! Dabei übersah er und die "objektive Berichterstattung" auch, dass bereits Hunderte andere, darunter X Südtiroler vor, mit und nach Kammerlander über den gleichen Weg zum Gipfel gestiegen waren. Alles Glanzleistungen - subjektiv gesehen! "Die Ama Dablam, Ziel vieler tausender Himalayahelden, bedeutet für den Ort Namche Bazaar dasselbe wie das Matterhorn für Zermatt. Genau wie beim Matterhorn ist der Allerweltsaufstieg mit Fixseilen und Leitern versehen, um den Gipfelstürmern ihren meist teuer erkauften 'Sieg' zu ermöglichen. Das Souvenir kauft man nach dem Discoabend (es gibt ihn!) im Hauptort der Sherpa." So beschreibt der britische Bergsteiger STEPHEN VENABLES das Geschehen. Somit konnte der Reiz für Kammerlander nur in der "Weltpremiere" (?) der Direktübertragung bestehen, eine "ehrliche Gschicht" daraus zu machen, wie er selbst vor seiner Abreise beteuerte. Ehrlich - subjektiv gesehen! Da ich selbst vom Frühstück zu normalen Zeiten meist ausgeschlossen bleibe, erzählte man mir mehrfach von gestochen scharfen und faszinierenden Landschaftsbildern, von betenden Mönchen, von H. Mutschlechners Demonstration des richtigen "Himalayaschrittes". Meiner krankhaften Neugier folgend, fragte ich nach den Bildern von ca. 7.000 Trekkern, die pro Saison das Tal von Namche bis zum Everest Base Camp mit ihren Exkrementen überdüngen. Ich fragte nach dem Basislager-"Zeltfest" am Fuße der Ama Dablam, nach den anderen "Expeditionen" an den Fixseilen und nach dem Unfung, den Menschen an ein paar Bergen der Welt treiben. War die politische, ökologische und menschliche Katastrophe zu sehen, auf die Nepal seit einigen Jahren unaufhaltsam zusteuert? Nichts, keine Spur davon! Das zu zeigen, wäre eine "ehrliche Gschicht" gewesen - natürlich subjektiv gesehen! So bestand die eigentliche Glanzleistung der Weltpremiere - "Taxi Orange alpin?" - in der filmisch geschickten Ausklammerung dieser, für den Frühstückstisch zugegebenermaßen ungustiösen Realitäten, um den atemberaubenden Anblick weißer Berge ungetrübt zu belassen. Darin liegt gleichzeitig auch der positive, ökologisch wertvolle Aspekt der ganzen Aktion. Wieso soll Bergsteigen nicht nach dem Prinzip des Fußballs funktionieren? Ein Weizenbier in der Hand, ein Solettisackl auf’m Bauch, Schildmütze auf’m Kopf und mit Knopfdruck live dabei, vom Einstieg bis zum Gipfel. Millionen ersparte Auto- und Flugkilometer, Risiko auf Null reduziert und trotzdem voll dabei! Schärfer als in Wirklichkeit sieht man auf dem Bildschirm allemal! Frauen müssten nicht mehr um ihre Männer bangen, Kinder nicht mehr um ihre Mütter. (M)ama Dableib’n statt Ama Dablam! Vielleicht hat sich LEO KIRCH - den Unternehmergeist kann man ihm zutrauen - aus dem medialen Fußballgeschäft etwas zurückgezogen, weil er die alpinistische Champions League vor Augen hat? Bleibt am Ende die Randbemerkung, dass im letzten Herbst die beiden jungen britische Bergführeranwärter JULES CARTWRIGHT (26) und RICH CROSS (29) an der Ama Dablam, leider unbeachtet von der Öffentlichkeit in elf einsamen Tagen den gesamten, "revolutionär" schwierigen Nordwestgrat erstmals durchstiegen, in perfektem Alpinstil ohne Fixseile, mit je einem Rucksack und drei, vier Eisschrauben. Grandios, wie die Erstbegehungen der Südtiroler Dolomitenkletterer CHRISTOPH HAINZ und ADAM HOLZKNECHT, wie die Routen des Feldthurner "Suchers" HELMUTH GARGITTER, wie die klettersportlichen Weltklasseleistungen des Grödners MANFRED STUFFER oder des KURT ASTNER! Das sind Weltpremieren! Solche wirkliche "ehrliche Gschichtn" könnten vielleicht auch mich mit Weizenbier und Soletti an den Bildschirm fesseln, aber ich fürchte, ich werde noch lange selbst "hinaufsteigen" müssen, um jene Bilder zu sehen, die in mir Begeisterung auslösen. Die Berichterstattung über’s Bergsteigen ist tot, es lebe das Bergsteigen! HANSPETER EISENDLE im April 2002 << zurück |