In Memoriam: Reinhard Karl
1946 - 1982



Foto: Archiv Lehner (Südwand Cho Oyu, 8.201 m, in der Reinhard Karl durch eine Eislawine ums Leben kam), Archiv Karl

REINHARD KARL kommt in Heidelberg am 3. 11. 1946 zur Welt. Er ist einer der bekanntesten Sportkletterer und Alpinisten seiner Zeit. Schon Mitte der 70er Jahre denkt er das sichere Freiklettern von heute konsequent voraus. 1978 steht er als erster Deutscher auf dem Mt. Everest. Doch es sind weniger die alpinen Erfolge, die Reinhard Karl von seinen Zeitgenossen abheben. Viel bedeutender ist seine Rolle als alpiner Schriftsteller und Fotograf. Seine Texte und Bilder suchen an literarischer und fotografischer Kunst noch heute ihresgleichen.

Reinhard Karl hat insbesondere in seinen Expeditionsberichten und Bigwall-Geschichten eine schonungslose Ehrlichkeit an den Tag gelegt, die das alpine (Pseudo-)Heldentum früherer Epochen kritisierte. Seine Hauptdarsteller, allen voran er selbst, sind getriebene, gespaltene Persönlichkeiten, hin- und hergerissen zwischen Todesangst und Begeisterung, zwischen Siegeswillen und Resignation. Die Ambivalenz seiner Emotionen und Handlungen spiegelt sich auch in den Meinungen seiner ehemaligen Kletterpartner wieder.

Reinhard Karl wird 1982 durch eine Eislawine am Cho Oyu im Himalaja getötet. Das Magazin Klettern lässt seine Weggefährten zu Wort kommen (www.klettern-magazin.de):


Der kalte Tod
Es ist der 19. Mai 1982, fünf Uhr morgens. Heute endlich werden sie den 8.201 Meter hohen Cho Oyu über seine schwierige 3000 Meter hohe Südostseite angehen. Drei Wochen lang haben sie im schlechten Wetter ausgeharrt, nun ist der Himmel wolkenlos. Reinhard Karl legt sich zurück ins Zelt, will noch ein bisschen schlafen. Plötzlich ein Donner, ein dumpfer Schlag, jene Art von Geräusch, das er ein Jahr zuvor bei seiner gescheiterten K2-Expedition in Gedanken immer gehört und gefürchtet hatte: "Wenn es jetzt über uns dieses bestimmte Geräusch geben würde, einen Knall, verbunden mit einem Donner von zusammenbrechendem Eis, da würde man nicht einmal einen Schnürsenkel mehr von dir finden."

Als Wolfgang Nairz, der Expeditionsleiter und Karls Zeltgenosse, aufwacht, ist er von Sherpas umgeben. Neben ihm liegt Reinhard, die eine Hälfte des Gesichtes blutüberströmt. Er wurde von einem Eisbrocken tödlich getroffen und von Schneemassen verschüttet. Seine Brille um den Hals ist unbeschädigt. WOLFGANG NAIRZ: "Er lag im Schnee, als würde er schlafen. Ich habe mich abgewandt, damit die Sherpas meine Tränen nicht sehen können." Sie begraben ihn im Schlafsack. Reinhards Frau Eva ist zu diesem Zeitpunkt schon in Kathmandu, um die gemeinsame Rückreise vorzubereiten. Erst fünf Tage später erfährt sie vom Tod ihres Mannes.

The American Dreamer
Reinhard Karls beruflicher Aufstieg hinkt seiner Entwicklung als Kletterer hinterher. Er beginnt ein Studium der Wirtschaftswissenschaften in Karlsruhe, sattelt später jedoch um auf Sport und Geographie in Heidelberg. Bis zu seinem Tode studiert er, ohne einen Abschluss zu machen. Bergsteigen, Klettern und Reisen nehmen einfach einen zu großen Raum in seinem Leben ein. Insofern ist Karl seiner Zeit voraus: Er erfüllt sich als einer der ersten deutschen Kletterer den eher amerikanischen Traum, aus dem bürgerlichen Leben zeitweise auszusteigen, um sich ganz der Materie Berg widmen zu können. In seine Studienzeit fallen die Nachwehen der 68er. Doch "der ganze gesellschaftsverbesserungskäse, der mit 20 Sätzen die ganze Welt erklärt", ist nichts für ihn. Er wendet sich wieder dem Klettern zu.

Kein Erstbegehertyp
Bernd Kullman und Reinhard Karl gehen 1968 den Walkerpfeiler an, machen die fünfte Begehung der Direkten Nordwand der Droites. 1969 gelingt ihnen die Eiger-Nordwand in damals schnellen anderthalb Tagen. Schwere Dolomiten- und Westalpenrouten wie Bonattipfeiler, Triolet-Nordwand, Gletscherhorn-Nordwand, die Hasse-Brandler an der Großen Zinne, der gesamte Peutereygrat oder der Freneypfeiler am Montblanc stehen in seinem Tourenbuch.

Während andere Kletterer sich in diesen Jahren vor allem durch neue Routen selbst verwirklichen, war Reinhard Karl kein Erstbegehertyp. Nur wenige Touren sind von ihm, so zum Beispiel der sehr anspruchsvolle "Pfalz-Wichser-Weg". Seine schwerste Tour insgesamt dürfte wohl die freie Begehung des "Hangdog Flyer" im Yosemite gewesen sein: Grad 5.12c, IX-.

Klettertrip zur Erleuchtung
Der erste Klettertrip in die USA wird für Reinhard Karl zur Erleuchtung: "Heute war ein Tag, an dem ich mit etwas konfrontiert wurde, was ich schon immer sehen wollte. Ich habe mein Traumland gesehen." Dabei ist es nicht nur die Landschaft der High Sierra, die ihn so begeistert. Mindestens ebenso großen Einfluss hat der american way of climbing auf ihn. "Free climbing", "clean climbing" und "bouldering", dieses lockere Freiklettern, das Absichern mit Keilen, das Herumturnen an kleinen und großen Bergen und Problemen, all das paßt zu seiner Vorstellung vom Klettern. HELMUT KIENE: "Er hat das Bergsteigen nicht so naturhaft und romantisch und von Kameradschaft geprägt gesehen, wie Hermann Buhl zum Beispiel."

Trotz der großen Freude am spielerischen Klettern bleibt Karl seinen alpinen Wurzeln treu. Auch im Yosemite kann er der Verlockung der großen Wände nicht widerstehen. 1975 klettert er die "Nose" am El Capitan. 1977 folgt die "Salathè Wall", 1978 ebenfalls am El Cap "Son of heart". 1979 folgt schließlich das "Shield".

Daß Karl nicht immer ein einfacher Seilpartner war, berichten verschiedene seiner alten Kletterkollegen. RICHARD MÜHE erinnert sich an die gemeinsame Salathè-Begehung: "In dem 5.9er off-width nach dem Pendelquergang (Hollow flake) ist er richtig hysterisch geworden und hat rumgeschrien und geheult. Dass er solche Risse nicht vorsteigen konnte, hätte fast zum Scheitern des Unternehmens geführt. Auch hat er den Wasservorrat völlig falsch berechnet, und wir wären an Mineralmangel fast draufgegangen. Oben habe ich ihm dann deutlich die Meinung gesagt."

Nachdem Reinhard beim Zustieg zum Shield 20 Meter geflogen war, wollte er nur noch abseilen. HANS-MARTIN GÖTZ berichtet: "Reinhard hat sehr leicht die Motivation verloren. Ihn dann zum Weitergehen zu bewegen, das kostete immer enorm viel Mühe. Die Kunst bestand darin, bei Reinhard die zweite Rakete zu zünden." Dass Karl die Partner nicht ausgingen, hatte wohl mit den menschlichen Qualitäten zu tun, die in seinen Büchern sichtbar werden. Hans-Martin Götz jedenfalls meint: "Das Bergsteigen mit Reinhard war okay, weil mir das menschliche Erlebnis, die geistige Auseinandersetzung miteinander sehr wichtig war. Und da hat mich Reinhard fasziniert, es war sehr spannend mit ihm. Kein Vergleich mit den Kletterern heute so. Das geistige Erlebnis mit ihm war einmalig."

Nicht ganz unkompliziert
HELMUT KIENE, in den 70er Jahren ein Visionär des alpinen Freikletterns, hat die überhängenden Risse rechts der Rebitschrisse am Fleischbankpfeiler im Visier. Er steigt auf die zweite Seillänge alles vor. "Die zweite Länge war so VI-, die hat Reinhard geführt, da hat er drei Keile reingelegt. Also da wäre ich so raufgeklettert. Der Reinhard, der war immer sehr, sehr vorsichtig." Reinhard, der kletternde Angsthase, Reinhard, der am Leben bleiben wollende Gefährliche-Routen-Durchsteiger? Andere waren sicher kühner als er, viele sogar. Es ist fast schon eine Ironie des Schicksals, daß der Vorsichtigere ins Gras beißt und die Kühnen heute noch leben. Eine gemeinsame Expedition auf Baffin Island im Frühjahr 1977 endet überraschend: Reinhard Karl verlässt abrupt die Vierer-Expedition, weil ihn die Motivation verlassen hat. HELMUT KIENE dazu: "Er war ein ganz, ganz intelligenter Bursche, aber nicht ganz unkompliziert."

Wenn er verlassen in den abweisenden Wänden der Welt hängt, will Karl den ganzen Kletterirrsinn aufgeben, kaum ist er ein paar Wochen zu Hause, zieht es ihn wieder fort. 1978 steht Reinhard Karl als erster Deutscher auf dem Mt. Everest. Zum höchstmöglichen Gipfel kommt er ein bisschen wie die Jungfrau zum Kinde. REINHOLD MESSNER erinnert sich: "Reinhard war einer der besten deutschen Bergsteiger. Ich habe ihn gegen fast die gesamte Mannschaft durchgeboxt." Auch Reinhold Messner weiß von der geistigen Auseinandersetzung mit Reinhard Karl zu berichten: "Innerhalb der Expedition waren wir sehr gespalten. Die eine Hälfte konnte mit einem guten Buch oder einer Diskussion nichts anfangen. Dagegen war Reinhard für Diskussionen schon zu haben, obwohl er kein richtiger Intellektueller, sondern eher ein handfester Typ war."

Denkender Bergsteiger, bergsteigender Denker
Reinhard Karls Leistungen am Berg wären vielleicht heute ein Arbeitsfeld für Alpinhistoriker, vielen Leuten unbekannt, hätte er nicht in einzigartigen Worten und Bildern darüber berichtet. Auch Reinhold Messner zollt Karl für sein Werk uneingeschränkten Respekt: "Seine Bücher enthalten mit die besten Passagen, die in diesem Jahrhundert übers Bergsteigen geschrieben wurden." Seine Bücher sind deswegen so besonders, weil er ein sehr emotionaler Mensch ist. Er hat ein sehr bewegtes Innenleben, und genau so schreibt er auch. Dass er keine richtige Distanz zu den Bergen findet, alles direkt und nah erlebt und fühlt, diese Haltung kommt ihm in seinen Büchern zugute. Die Distanzlosigkeit zieht den Leser mitten ins Geschehen, fast ist er dieser Reinhard selbst, dieser Getriebene, dieser Ängstliche, dieser Aufbrechende. Die faszinierende Art des Erzählens sucht in der alpinen Literatur heute seinesgleichen.

REINHOLD MESSNER: "Er war einer der ganz wenigen, die das, worüber sie schreiben, wirklich gemacht haben. Der Buhl gehörte zum Beispiel nicht zu dieser Gattung, für den haben andere geschrieben. Reinhard Karl würde heute wahrscheinlich immer noch in der Welt herumreisen und Bücher schreiben. Ich glaube, er war auf dem besten Weg, im Alter ein richtig guter Schriftsteller zu werden."

Abgelegene Berge 
In seinen letzten beiden Lebensjahren verbringt Reinhard Karl viel Zeit auf Expeditionen zu den abgelegensten Bergen der Welt. Er versucht sich 1980 am Cerro Torre. Der Ansturm auf die Maestri-Route scheitert jedoch kurz unterhalb des Gipfels wegen schlechten Wetters. 1982 den Fitz Roy über das Supercouloir an. Die Verhältnisse sind haarsträubend, beinahe stürzt Reinhard Karl kurz unterhalb des Gipfels zu Tode. Ein einziger alter Haken rettet ihn. "Ich wusste gar nicht, warum ich schon wieder auf Expedition war", schrieb er nach der Besteigung seines zweiten Achttausenders, dem Gasherbrum 2 im Jahre 1979. Der Schnee im Gipfelhang ist knietief, das Spuren eine unendliche Qual. »Ich werde jetzt bis drei Uhr die Spur treten, egal, wo wir dann sind, werden wir umdrehen.« Um fünf vor drei erreicht er den Gipfel.

1981 versucht er sich in einer Kleinexpedition am K2. Das Team will auf einer haarsträubend gefährlichen neuen Route durch die Südwand zum Gipfel vorstoßen. HANS-MARTIN GÖTZ: "So eine Eruption von Angst habe ich noch nie erlebt. Das war eine ganz neue Dimension." Die Expedition wird schließlich abgebrochen. Auf den ausgedehnten Trips zu den schwierigsten Bergen findet Reinhard Karl Muße, sehr intensiv über das Leben und den Sinn der Bergsteigerei nachzudenken. Wer erinnert sich nicht an seine verzweifelte Schilderung des "tiefen Tals der Niederlagen" oder die einfühlsame Abhandlung "Unterwegs nach Hause"? Der Cho Oyu sollte der letzte Achttausender sein. Doch wer weiß, wann ihn wieder das Fernweh gepackt hätte. Und wann er sich dann am Fels doch wieder nach Hause gesehnt hätte. Er war ein Träumer, dessen Träume in der Realität sich oft als Alpträume entpuppten.

DAS BUCH von TOM DAUER im Gedenken an Reinhard Karl:

Reinhard Karl: Spurensuche in einem aussergewöhnlichen Leben

Als Reinhard Karl 1982 am Cho Oyu von einer Eislawine erschlagen wird, bedeutet das nicht nur das Ende einer grossen Alpinistenkarriere, sondern auch den Verlust eines sensiblen Literaten und Fotografen, der wie kein Zweiter verstanden hat, das Lebensgefühl nicht nur seiner Bergsteigergeneration in Wort und Bild festzuhalten.

Reinhard Karl, charismatischer Freikletterer der ersten Stunde, Eröffner der ersten Alpenroute im VII. Grad und erster Deutscher auf dem Everest, ist bis heute Idol vieler Bergsteiger geblieben. Seine Bücher haben auch nachfolgende Generationen von Kletteren massgeblich beeinflusst, seine Fotos weisen in ihrer Modernität über die damalige Zeit hinaus. Legende wurde er nicht zuletzt durch sein kritisches Hinterfragen des Bergsteigens auch im Kontext gesellschaftlicher und politischer Veränderungen. Der bewusst subjektive Blick auf die Welt und das Thematisieren seiner Ängste trugen ihm den Ruf ein, die alpine Literatur revolutioniert zu haben.

Das aus Anlass seines zwanzigsten Todestages 2002 erschienene Buch macht die verstreut publizierten und lange vergriffenen Originaltexte Reinhard Karls wieder zugänglich. Durch die Kombination mit Stellungnahmen seiner Wegbegleiter und Tourenpartner wie Bernd Kullmann, Wolfgang Nairz, Oswald Oelz, Jim Bridwell oder John Bachar sowie die biografische Spurensuche Tom Dauers entsteht ein lebendiges Bild seiner Person und seines bergsteigerischen Werdegangs – in der Absicht, das komplexe Porträt, das Reinhard Karl mit seinen Texten und Fotos von sich selbst gezeichnet hat, um weitere Zusammenhänge und Details zu bereichern. Dazu tragen die grosszügige Auswahl aus dem exzellenten Bildarchiv ebenso bei wie die beigelegte CD, auf der Reinhard Karl in Original-Tondokumenten unter anderem aus dem Basislager des K2 berichtet.

Tom Dauer
Reinhard Karl
Ein Leben ohne Wenn und Aber
376 Seiten, 164 Abb. ein- und vierfarbig
17 x 24 cm, Leinen mit Schutzumschlag
mit CD, ISBN 3-905111-75-6
CHF 49.80 / EUR 29,80

www.as-verlag.ch

 



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