Ein Menschenfreund ganz oben:
Mit der Erstbesteigung des Cho Oyu krönt Herbert Tichy seine Jahre in Asien, dessen Bewohner er als Partner und Freunde, nicht als Untergebene behandelt.



Nach Jahrzehnten Journalismus, Reisen und Bergsteigen übergab HERBERT TICHY kurz vor seinem Tod (1987) sein Originalmaterial dem Wiener Ethnologen und Bootsbauer WOLFGANG FRIEDL. Das folgende Portrait schrieb GERALD LEHNER, dem Friedl gestattete, den Nachlass von Tichy biografisch für die internationale Ausstellung DER BERG RUFT! in Altenmarkt/Zauchensee auszuwerten.

"In diesem Gebirge wusste ich, dass man diesem Himmel und allem, was er bedeutet, vielleicht am ehesten nahekam, wenn sich auf sich selbst beschränkte und das winzige Stück Himmel pflegte, das in jedem von uns ist", berichtet HERBERT TICHY später über den Moment, als er sich 1954 langsam dem Gipfel des 8.201 Meter hohen Cho Oyu zwischen Nepal und Tibet nähert.

"Ich wollte mich hineindrängen in diesen Himmel, der uns von seinem innersten Wesen vielleicht ausschloss und nur an seinen Rändern duldete. Ich wollte ihm, der mich so viele Jahre angelockt und niemals enttäuscht hatte, so nahe kommen, wie es dem Menschen mit seinen geringen Kräften möglich ist." Tichy spürt existentielle Dankbarkeit, den Treibstoff vieler Mystiker. Auf dem Cho Oyu denkt er an frühere Gefährten, mit denen er seit den dreißiger Jahren in Asien und Amerika unterwegs war: "Ich fühle mich meinen Freunden so nahe. Und es trennt uns keine Mauer mehr, die wir Tod nennen."

Ein Sherpa in Wien
"Die Sherpas, denen der Tod ein ständiger Begleiter ihres Berufes ist, hatten Tränen in den Augen", schildert Herbert Tichy seinen Abschied aus Kathmandu, der Hauptstadt Nepals, kurz nach der Erstbesteigung des Cho Oyu. Ein Jahr später ist PASANG DAWA LAMA SHERPA bei ihm in Wien, wohin Tichy ihn und seine junge Frau DIKI SHERPA eingeladen hat. Auf der Wiener Messe von 1955 fliegen sie zum ersten und einzigen Mal in einem Hubschrauber. Mit SEPP JÖCHLER, dem Tiroler Gefährten von der Expedition zum Cho Oyu, folgt Sightseeing in Österreich und ein Besuch bei Bergbauern in Landeck in Tirol.

Tichy unterstützt das Sherpa-Ehepaar finanziell über viele Jahre. Gemeinsam mit dem deutsch-amerikanischen Bergsteiger FRITZ WIESSNER, der schon lange vor Tichy mit Pasang unterwegs war - 1939 im Karakorum auf dem K2. Wiessner und der damals noch sehr junge Sherpa kamen bis knapp unter den Gipfel des K2 in 8.400 Meter Höhe. Sie hatten im Rahmen dieser Expedition der USA keine Sauerstoffgeräte zur Verfügung - ein Stil und eine Leistung, mit denen das Duo seiner Zeit um dreißig Jahre voraus war.

1953: Durchquerung von Westnepal
Unmittelbare Vorgeschichte zum Cho Oyu: Herbert Tichy durchquert 1953 mit Pasang und drei anderen Sherpas zu Fuß den Westen des Königreiches Nepal. Vor ihm war als Ausländer nur der Schweizer Geologe und Entwicklungshelfer Toni Hagen hier unterwegs. Es gibt ausschließlich schmale Bergpfade, wilde Flußtäler, Hochebenen und eisige Pässe, keine Straßen. Mit einfachsten Mitteln bezwingt das Team bisher unerstiegene Sechstausender. Westnepal schweißt sie für den Cho Oyu als enge Freunde zusammen. Tichy ist der erste Ausländer, der die abenteuerliche Route bis zur Grenze Indiens im Nordwesten vollenden kann. Doch blenden wir zurück auf den jungen Mann. Wodurch entwickelte sich ein freier Geist?

Grauenvolles in Polen: Nichts wie weg vom Krieg
Als Hitlers Truppen im September 1939 Polen überfallen und den Zweiten Weltkrieg vom Zaun brechen, ist Tichy gerade 27 Jahre alt. Der frischgebackene Geologe muss in der Sprachregelung des Regimes als "kriegswichtiger Experte" im besetzten Gebiet nach Erdöl suchen. Tichy darf Zivilist bleiben und erkennt: SS und Wehrmacht terrorisieren auch die Zivilbevölkerung. Tichy hält unter eigener Gefahr Kontakt zu polnischen Familien: "Freunde nahmen mich herzlich auf, und wir konnten ohne Hass miteinander reden. Dann machten Härten eines Krieges der bewussten Grausamkeit Platz, und das menschliche Klima änderte sich völlig. Wo ich willkommen war, fand ich jetzt verschlossene Türen. Nach einiger Zeit wurde ich unruhig und wollte weg."

Der Besuch eines thailändischen Ministers in Berlin bringt Tichy den Vorwand, sich zu verabschieden. Er improvisiert für eine deutsche Zeitung einen fundierten Bericht über Thailand, ausgehend von früheren Reisen. Der Staatsgast bekommt die Story zu Gesicht und bittet das Regime offiziell, Tichy möge doch als Korrespondent nach Bangkok kommen. Dem wird stattgegeben: "Vier Wochen vor Ausbruch des Krieges mit Russland fuhr ich mit dem Trans-Sibirien-Express nach Osten. Dann war der Rückweg abgeschnitten, und aus den geplanten sechs Monaten wurden sieben Jahre. Die meiste Zeit davon lebte ich in Peking."

Alaska 1938: Werdegang eines Menschenfreundes
Nur wenige wissen: Herbert Tichy hatte neben Asien auch amerikanische Lebenskultur ins Herz geschlossen. 1938 verbringt er ein halbes Jahr in Alaska und Kanada, wo hohe Berge direkt an der Küste des Pazifischen Ozeans stehen. Er ist nach dem großen Goldrausch von 1896 einer der ersten Österreicher, die hierher kommen und arbeitet als Bäcker, Matrose und Fotograf. Im hohen Norden Amerikas beeindrucken ihn ethnische Vielfalt, die Verbindung zwischen Tradition und Moderne. In einer Zeit, als zu Hause der Rassenwahn zur Staatsreligion erhoben wird, schreibt er: "Die Zivilisation Alaskas ist vielleicht die glücklichste, die der weiße Mann zu bilden imstande war. Sie ist eine Mischung aus skandinavischer Ehrlichkeit und asisatischer Ruhe mit amerikanischen Konserven und Wasserflugzeugen. Eskimos sind friedfertige Menschen."

Alles begann mit der Pilgerfahrt zum Kailas
1935 arbeitet der junge Tichy noch an seiner Disseration. Sein Professor in Wien hat ihm ein Thema zur Geologie des Himalaya zugeteilt. Der 24-jährige übersiedelt an die Universität im nordindischen Lahore, wo er von einem Marsch ins benachbarte Tibet träumt. Er will zum 6.700 Meter hohen Berg Kailas. Tichy hat schon als Mittelschüler darüber gelesen - bei seinem Idol Sven Hedin, der schon 1905 zum heiligen Kailas gekommen war. "Europäern war die Reise zu ihm verschlossen. Ein indischer Freund wollte es wagen, mich nach Tibet zu begleiten. Wir verkleideten uns als Pilger."

Tichy befürchtet, tibetische Grenzer könnten entdecken, dass er kein Inder sei. Er schreibt - sehr dick unterstrichen - ins Tagebuch: "Denk an das Ziel!" Beim Kailas problemlos angekommen sehen sie tibetische Buddhisten, die sehr fromm sind. 1937 publiziert Tichy in Wien und Prag einige Reportagen sowie sein später weltberühmtes Buch "Zum heiligsten Berg der Welt", das in viele Sprachen übersetzt wurde und als kulturelles Erbe eines weltoffenen Teiles von Österreich gelten darf. Tichy hatte übrigens Vorfahren aus Ceske Budejovice (Budweis) in Südböhmen, von wo im Vielvölkerstaat der Habsburgermonarchie viele Arbeiter und Intellektuelle in die Hauptstadt Wien zogen - ein Erbe, das im Rahmen der EU-Osterweiterung neue Bedeutung bekommt.

Anmerkung des Autors GERALD LEHNER: Tichys Dutzende Bücher mit journalistischer Hochleistung aus mehreren Erdteilen tragen stark literarische Züge. Sie sind längst vergriffen und nur noch in Antiquariaten aufzutreiben. Seit 20 Jahren finden sich in Europa und Übersee keine Verlage, die das - auch ethnografisch und zeithistorisch wichtige - Lebenswerk des Wieners neu auflegen bzw. übersetzen würden: "Es ist an der Zeit, diese Schriften den jüngeren Generationen wieder zugänglich zu machen", sagt der Wiener Ethnologe WOLFGANG FRIEDL, der den Nachlass Tichys verwaltet.

Wenn echte "Nationalhelden" im Universum geduldet sind, dann ist für den Österreicher Herbert Tichy ein schöner Stern zur Erinnerung reserviert.

Das Buch "HERBERT TIICHY - Das abenteuerliche Leben des großen Österreichers" von Hilde und Willi Senft wird hier vorgestellt. 

Herbert Tichys Klassiker "Cho Oyu - Gnade der Götter" erschenit 2004 als Neuauflage und ist hier vorgestellt.



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