Simon Schmiderer - Bergsteiger, Designer und Architekt - arbeitete als einziger Österreicher bei Planungen für die UNO in New York City mit.

Foto links: UNO Buildings, First Avenue, Upper Eastside, Manhattan. Rechts: Simon Schmiderer bei seinem geliebten Strandspaziergang, Highland Beach/Florida, 1994 - Gerald Lehner.

Biografische Forschung von Gerald Lehner

Das internationale Jahr der Berge 2002 wurde von den Vereinten Nationen (UNO) deklariert. Eine in diesem Rahmen ungewöhnliche Verbindungslinie zwischen den Kontinenten gibt es, die mit alpinen Wurzeln zu tun hat: Bis vor kurzem blieb der europäischen Geisteswelt verborgen, dass auch ein junger Gebirgler aus Österreich in einem internationalen Architekten-Team für die Vereinten Nationen (UNO) in New York City tätig war. Nicht unter den zwölf Stars aus mehreren Ländern, die in den fünfziger Jahren das UNO-Hauptquartier am East River entwarfen. Der 1938 vor den Nationalsozialisten geflüchtete Salzburger arbeitete - wie andere junge Planer - an verantwortungsvoller Position im Hintergrund, um diesen Wolkenkratzer zu verwirklichen, der noch heute die Upper Eastside von Manhattan dominiert.

Während ihrer 45 Treffen im New York der fünfziger Jahre stand den internationalen Architekten eine Gruppe von sogenannten "backroom boys" zur Verfügung. Das waren Nachwuchsleute, die vom Organisationsbüro als Hilfskräfte rekrutiert worden waren. Sie bevölkerten einen eigenen Zeichensaal in Manhattan. Ihre Aufgabe war die Umsetzung jener Skizzen und Entwürfe, die vom offiziellen Team geliefert wurden. Die Jungen fertigten nach diesen Vorgaben erste Detailzeichnungen und modellhafte Darstellungen an. Und sie prüften, ob manche Pläne sich überhaupt praktisch verwirklichen ließen. Ergebnisse wurden dann mit den offiziellen Planern der UNO besprochen.

Gebürtiger Salzburger aus Saalfelden

Viele empfanden die Zusammenarbeit mit den wichtigsten Architekten jener Zeit als persönliches Glück, von dem andere nur träumen konnten (DUDLEY, 1995, S. 63). Solche "backroom boys" waren Kevin Roche, George Lewis, Arvin Shaw, B. J. Barnes als einzige Frau, David Eggers, Thaddeus Crapster, John Johansen, George Rockrise, Hans Asplund, Roger Aujame, Roger Halle, Victor Solamito, Bill Lyman, Jerzy Soltan und ein junger Architekt namens Simon Schmiderer. Der stammte aus den Bergen von Salzburg.

Simon Schmiderer lebte bis zu seinem Tod im Jahr 2001 in Highland Beach/Florida. Sprach man ihn im hohen Alter auf seine frühere Rolle im Planungsteam der UNO an, so betonte er, diese sei nicht sehr bedeutend gewesen sei (SCHMIDERER, Interview von Gerald Lehner, 1994). Anderer Meinung ist sein damaliger Freund und Vorgesetzter im Büro von Harrison & Abramovitz: George A. Dudley, der heute in Albany, der Hauptstadt des Bundesstaates New York lebt. Dudley sagt, Schmiderer habe eine in Fachkreisen seltene Fähigkeit beigesteuert. Der Salzburger war ausgebildeter Architekt, hatte andererseits auch das Handwerk des Tischlers von Grund auf erlernt. Dadurch habe der Österreicher ein Gefühl für konstruktive Details und ein sensibles Raum-Empfinden mitgebracht, Fähigkeiten, die bei der Umsetzung von Plänen in die Realität von entscheidender Bedeutung seien. Leider würden nur wenige Architekten solche Dinge beherrschen, die meisten seien zu sehr in der Theorie verhaftet oder in Designfragen sowie Eitelkeiten verstrickt (DUDLEY, Interview von Gerald Lehner, 1995).

Viele Bergtouren im Steineren Meer

Simon Schmiderer hatte sich in seiner Jugend intensiv mit Klettereien und Wanderungen in den Bergen seiner Salzburger Heimat befasst. Er liebte das Steinerne Meer nahe Saalfelden, kam jedoch aus finanziellen Gründen nie über diese Region hinaus. Als der überzeugte Sozialdemokrat als Bräutigam einer Enkelin des Milliardärs Tiffany über London erstmals nach New York kam, da freute sich der glühende Alpinist über völlig neue Reize:

"Ich brauchte plötzlich keine Berge mehr. Und auch keine Politik. Die Nazis waren endlich weit weg. Ich war frisch verheiratet. Verliebt und jung. Man glaubt gar nicht, wie schnell junge Leute mit den schlimmsten Krisen fertig werden. Es klingt hat, aber ich habe damals nur noch selten an die Familie in der alten Heimat gedacht. Diese riesigen Gebäude in New York, die so hoch sind, daß sie bei Regen in der Wolkendecke verschwinden, das hat mich sehr begeistert. Seit ich in Amerika angekommen bin, habe ich nie mehr Heimweh verspürt?" (SCHMIDERER, Interview von Gerald Lehner, 1994).

Sohn eines Pinzgauer Lokführers

Simon Schmiderer wurde am 27. Januar 1911 in der Pinzgauer Gemeinde Saalfelden geboren. Er war der Sohn eines Lokführers und Sozialdemokraten, der sich in der Gewerkschaft engagierte. In seiner Kindheit litt der Bub oft an Hunger, der Erste Weltkrieg bescherte der Familie große Not. 1925 begann Simon eine Tischlerlehre bei dem Saalfeldener Betrieb Lirk, der noch heute existiert. Daneben begeisterte er sich für das Bergsteigen im nahen Steinernen Meer. 1930 schaffte der Salzburger die Meisterprüfung. Er siegte bei einem Tischler-Wettbewerb mit herausragendem Design. Das brachte ihm ein Stipendium. Schmiderer begann an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien das Studium der Architektur. Dort lernte er eine junge Amerikanerin namens Mabby Burlingham kennen, eine Enkelin des New Yorker Juwelenkönigs Tiffany, die ebenfalls in Wien studierte.

Flucht vor den Nationalsozialisten (1938)

Mit ihren Geschwistern und Mutter Dorothy Burlingham lebte Mabby in der Wiener Berggasse, im Haus von Sigmund Freud. Mabby war eng mit Anna Freud, der Tochter des Professors, befreundet. Als 1938 die Nazis die Macht in Österreich übernahmen, flüchtete Simon Schmiderer mit den Familien Burlingham und Freud zuerst nach London und später nach New York. Weil er sich oft für die Sozialdemokratie engagiert hatte, stand sein Name auf den Fahndungslisten der Nazis.

Salzburger Pinzgau - Wien - London - New York - Karibik - Florida

Zu Beginn seines Exils schlug sich Simon Schmiderer in New York als technischer Zeichner durch. Das Studium hatte er in Wien zwar abgeschlossen. Trotz seiner familiären Verbindungen war es schwierig, einen Job zu bekommen. Mabby, die Enkelin von Tiffany, hatte er inzwischen geheiratet. Die Regierung der USA investierte zu dieser Zeit kaum in Bauvorhaben. Das Geld floß in die Rüstung. Nach einiger Zeit erhielt Schmiderer kleinere Aufträge. Als Tiffany an der Ecke 57th Street / 5th Avenue ein neues Geschäft bauen ließ, arbeitete Schmiderer an den Plänen mit. Langsam schaffte er den Sprung in renommierte Büros und wurde 1943 bei Wallace K. Harrison und Abramovitz aufgenommen.

Arbeiten für den Verlag TIME-LIFE

Nun arbeitete er in der Planung für das neue Gebäude des Verlages TIME-LIFE mit. Harrisons Architekten befaßten sich auch mit sozialen Fragen, wie dem Bau von Wohnsiedlungen und Kindergärten im Auftrag der Stadt New York. Nach den Arbeiten für die UNO übersiedelte Schmiderer wieder ins Büro von Harrison. Im Auftrag des Rockefeller-Imperiums wurde er in die Karibik entsandt, wo es in Puerto Rico darum ging, erste Wohnsiedlungen zu verwirklichen. Schmiderer entwickelte eine später in vielen Ländern kopierte Methode mit Fertigteilen aus Beton und riesigen Kränen, die den Bau eines großen Hauses innerhalb von wenigen Stunden ermöglichten.

Simon Schmiderer starb im April 2001 an seinem Alterswohnsitz Highland Beach in Florida. Seine Asche wird im kommenden Jahr von seinem Sohn Timothy Schmiderer, ebenfalls Architekt in New York City, in die alte Heimat Saalfelden überführt.


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