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Biografische Forschung von Gerald Lehner Midtown Manhattan/New York City. Im Raum für Besucher des großen Archivs der UNO führt die leitende Historikerin Marilla Guptil im Herbst 1996 den Autor dieser Zeilen in eine Spezial-Bibliothek. Sie dokumentiert die Entstehung und Arbeit der Vereinten Nationen in den ersten Jahren nach ihrer Gründung, um den Staaten der Erde nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Friedensordnung zu geben. Dann drückt Guptil dem Besucher ein abgegriffenes Buch in die Hand: Das sei ein Basiswerk, das die frühe UNO stark beeinflusst habe. Es ist in europäischen Büchereien kaum noch zu finden. "The International Secretariat" der UNO Oft wurde im Lauf der Zeit daraus zitiert, sodass es als ursprüngliche Quelle kaum noch aufscheint: "The International Secretariat - A Great Experiment in International Administration", so der Titel, erschienen 1945 in Washington im Verlag der Carnegie Endowment For International Peace. Das Vorwort schrieb George A. Finch - wissenschaftlicher Leiter für internationales Recht - am 15. April 1945: Er sei froh, so Finch, dass dieses Buch nun weltweit genutzt werde. Und dass es noch rechtzeitig erschienen sei, bevor in San Francisco am 25. April 1945 die offizielle Gründungsversammlung der UNO beginnen werde. Autor des gelobten Buches war ein gebürtiger Österreicher aus dem nördlichen Innviertel: Dr. Egon Ranshofen-Wertheimer, Jurist, Staatswissenschaftler und Journalist, Jahrgang 1894, geboren auf dem landwirtschaftlichen Gut seines Vater in dem Dorf Ranshofen bei Braunau am Inn, genau dort, wo auch Adolf Hitler zur Welt kam. Ranshofen-Wertheimer verstarb als Diplomat der UNO am 27. Dezember 1957 nach einer Herzattacke auf dem internationalen Flughafen von New York. Die Zweite Republik Österreich verdankt die - nach Abschluss des Staatsvertrages - rasche Aufnahme bei den Vereinten Nationen (1955) in hohem Maß seinem persönlichen Engagement (Quelle: NEUE WARTE AM INN, Wochenzeitung, 1958). Berater des amerikanischen Regierung Egon Ranshofen-Wertheimer hatte kurz nach Kriegsende den Dienst als Beamter, Abteilungsleiter und Diplomat der UNO angetreten. Er war bis 1955 - als Österreich seine staatliche Unabhängigkeit wieder gewann - der einzige Österreicher, der offiziell in direkten Diensten der Weltorganisation stand. Ranshofen-Wertheimer hatte schon während des Zweiten Weltkrieges (1941) im amerikanischen Exil mit seiner wissenschaftlichen Arbeit für die Carnegie-Stiftung in Washington begonnen. Bezahlt wurde er vom State Department, von Beginn seines Exils zählte er zu den Beratern des Weißen Hauses, was Fragen der europäischen Politik betraf. Als ehemaliger Diplomat und Abteilungsleiter des Völkerbundes hatte er 1938 in Genf und Paris noch mitgewirkt bei dem vergeblichen Versuch, mit anderen Österreichern eine Exilregierung gegen die Herrschaft Hitlers auf die Beine zu stellen. Lehren aus dem Schicksal des alten Völkerbundes In Washington arbeitete Wertheimer drei Jahre an seinem Buch, dass die Aufgaben eines künftiges General-Sekretariats der UNO skizzieren sollte. Er analysierte mit kritischem Blick den Aufbau und das Scheitern des Völkerbundes. Im Wertheimers Vorwort heißt es, dass die Großmächte bereit seien, für die UNO einige positive Strukturen des Völkerbundes zu übernehmen, nicht jedoch die zahlreichen Fehler. Zitiert wird Winston Churchill mit einer Rede vor dem britischen Unterhaus vom 27. Februar 1945, wonach die neue Welt-Organisation eine wesentlich stärkere Macht bekommen müsse. Man solle bittere Erfahrungen der Vergangenheit nur ja nicht missachten. Ranshofen-Wertheimers Arbeit gilt in Fachkreisen als erste umfassende Studie zu diesem Thema: Wertheimer habe zehn Jahre des Völkerbundes (1930 bis 1940) hautnah miterlebt und Dokumente verarbeitet, die normalerweise niemandem zugänglich seien, preist George A. Finch 1945 das druckfrische Werk. Wertheimers Leben In seiner Jugend war Egon Ranshofen-Wertheimer als Draufgänger bekannt. Im Alter von 20 Jahren zog er 1914 mit nationalistischer Begeisterung in den Ersten Weltkrieg. Er zählte zu den ersten, die jemals mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug sprangen. Die Grauen der Schützengräben machten ihn nachdenklich, bis er die Durchhalteparolen der Militärs und Kriegsgewinnler, Herrscherfamilien und Kirchenleute durchschaut und satt hatte. Aus dem Ersten Krieg kehrte Wertheimer als Marxist zurück. Sein Vater Julius, der liberale Großgrundbesitzer, Landwirtschaftspionier und Landtagsabgeordnete in Oberösterreich, tolerierte diese Interessen gerade noch. Während Egons Studienzeit in Heidelberg mäßigte sich sein Drang, die Welt von Grund auf umzuwälzen. Seine Begeisterung für den damals noch scheinbar unbefleckten Kommunismus wich einer pragmatischeren Einstellung, die ihn zum Sozialdemokraten verwandelte. Mitte der zwanziger Jahre entdeckte Wertheimer den Zauber der journalistischen Arbeit und zog nach London. Als 1929 erstmals eine Regierung von Labour an die Macht kam, berichtete er als Korrespondent für sozialistische Zeitungen im deutschen Sprachraum. Er schrieb sein erstes Buch, das zum Bestseller geriet und für dessen noch immer sehr linksgerichtete Position er sich später eher schämte. Titel: "Portrait der britischen Arbeiter-Partei". Zu dieser Zeit erste Kontakte mit dem jungen Salzburger Journalisten und Ökonomen Leopold Kohr, mit dessen Vater Wertheimer schon länger befreundet war, aus gemeinsamen Zeiten im Innviertel an der Grenze zu Salzburg. Dem Sohn Leopold aus Oberndorf eröffnete Wertheimer nun durch persönliche Verbindungen die Möglichkeit eines Studiums an der London School of Economics. Der Weg als Diplomat begann in Genf Einige Minister von Labour wurden durch Wertheimers Buch auf den Autor aufmerksam, auch Premierminister MacDonald selbst. Dadurch kam Wertheimer mit Vertretern des Völkerbundes in Kontakt, der damals zu stark unter britischem Einfluss stand. Eines Tages wurde er gefragt, ob er nicht als Diplomat nach Genf übersiedeln wolle? So wechselte Wertheimer 1930 in die Schweiz, wo er zehn Jahre lang arbeitete, bis er angesichts der europäischen Katastrophe nach Nordamerika reiste, um die Regierung der USA im Kampf gegen Hitler zu beraten. Kontakte zu Diplomaten aus Washington hatte der Österreicher seit seiner Zeit in Genf kultiviert. Einige Experten in den USA wussten, dass Ranshofen-Wertheimer genau aus jener Region zwischen Bayern und dem ehemaligen Habsburgerreich stammte, in der Hitler und einige seiner Komplizen groß werden konnten. Hitler, ein Innviertler Gespenst? Als Österreich 1938 an Deutschland angeschlossen wurde, blieb Mitgliedern der Familie des Gutsbesitzers Wertheimer in Ranshofen bei Braunau am Inn nur die Flucht, wenn sie dem Konzentrationslager entgehen wollten. Seit Generationen waren sie Katholiken, hatten jedoch jüdische Vorfahren aus der Region Frankfurt am Main. Der austro-amerikanische Philosoph Leopold Kohr erinnerte sich später im Alter von 84 Jahren - kurz vor seinem Tod (1994) - an viele Gespräche mit seinem Förderer Wertheimer in den USA: "Besonders gespenstisch für Egon war, dass in der Kapelle des familien-eigenen Gutes Ranshofen bei Braunau 1889 ein Neugeborener auf den Namen Adolf getauft wurde: Hitler." (Quelle: Kohr im Interview mit Gerald Lehner, 1995) Mit der New York Times gegen die Nazis Mit seinem jüngeren Kollegen Leopold Kohr aus Salzburg entfachte Ranshofen-Wertheimer ab 1940 in den USA und Kanada ein publizistisches Trommelfeuer gegen das nationalsozialistische Deutschland. Das Duo engagierte sich unter anderem auch im Rahmen von Washington Post und New York Times für die Eigenständigkeit Österreichs und gegen die Benachteiligung von österreichischen Flüchtlingen in Nordamerika. Hunderte Artikel und Leserbriefe erschienen teils unter Decknamen, teils mit Namensnennung bis in die fünfziger Jahre. Egon Ranshofen-Wertheimer ist im Grab seiner Familie auf dem stillen Friedhof des Schlosses Ranshofen bei Braunau am Inn bestattet. << zurück |