Der Philosoph Leopold Kohr war ein früher Pionier des Umweltschutzes. Er empfahl gegen Größenwahn und zur Reform der Moderne eine "Rückkehr zum menschlichen Maß".

Bild links: Buchcover von Chelsea Green Books, New York

Biografische Forschung von Gerald Lehner

Der Austro-Amerikaner Leopold Kohr gilt als Schöpfer des international bekannten Slogans "Small is beautiful", der eigentlich populistischer Titel eines Buches war und von Kohrs Schüler Fritz Schumacher 1973 in Großbritannien erstmals verwendet wurde. Im Sinne von Kohrs Vorschlägen würde besser passen: "Small is powerful". Er lieferte - teils durch empirische Methoden abgestützt - eine Theorie zur Erhaltung regionaler und dörflicher Strukturen - unabhängig von ethnischen oder religiösen Zugehörigkeiten.

Ökonomisches Arsenal gegen Landflucht und Zentralisierung

Kohr wurde für viele "Grassroot Movements" zu einem Schutzpatron im Kampf gegen Landflucht und gegen die Ausbeutung ländlicher Räume durch große Machtzentren. Er entwickelte geistreich-witzige Strategien gegen multinationale Konzerne und bürokratische Apparate von Regierungen. Der heutigen wirtschaftspolitischen Grundlage, wonach nur ständiges Wirtschaftswachstum alle Probleme lösen könne, trat Kohr seit den vierziger Jahren massiv entgegen. Er forderte eine Rückkehr zum "menschlichen Maß" und gilt als früher Prediger des heute vielzitierten und oft missverstandenen Konzeptes der "Nachhaltigkeit". Der gebürtige Salzburger gehörte zu den Wegbereitern der wesentlich später entstehenden Ökologie- , Bürger- und Menschenrechtsbewegungen.

Seine Schriften und Bücher erschienen u.a. in Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Japanisch und Walisisch. Kohr wurde 1909 in der Salzburger Gemeinde Oberndorf als Sohn eines Arztes geboren. Er war seit 1939 amerikanischer Staatsbürger und starb 1994 in seiner britischen Wahlheimat Gloucester. Bevor er verstarb, unterstützte er noch den österreichischen Journalisten Gerald Lehner längere Zeit bei Vorbereitungen und Recherchen für eine Biografie, aus denen im Herbst 1994 ein Buch entstand.

"Das Ende der Großen"

Im September 1941 erschien im New Yorker Magazin "The Commonweal" ein Artikel Kohrs mit dem Titel "Disunion Now". Darin sprach er sich gegen nationalen Größenwahn und für ein Europa der Kantone aus, wie es die Schweiz vormache. Kohrs wesentliches Ziel ist die Zerstörung der großen Nationalismen mit friedlichen sowie ökonomischen Mitteln. Die Schweiz nahm er deshalb als Vorbild, weil dort Italiener, Franzosen, Rätoromanen und deutschsprachige Schweizer relativ friedlich leben. Einziger Grund laut Kohr: Hohes Maß an dezentraler Selbstverwaltung. Andernfalls hätten sich diese Volksgruppen längst dem nach Kohrs Meinung chronisch gefährlichen Nationalismus ihrer jeweiligen großen Nationen angeschlossen, so der gebürtige Österreicher.

Die nationalstaatlichen Einigungsprozesse der Vergangenheit hätten nur imperiale Großmächte hervorgebracht, die sich gegenseitig in den Haaren lägen, schrieb Kohr damals. Anfang der 1950er Jahre vollendete er sein Hauptwerk "The Breakdown of Nations" (Deutscher Titel: Das Ende der Großen). Erst 1957 wurde das Buch in London veröffentlicht. Ein Indiz dafür, daß Kohr mit seinen Ideen seiner Zeit weit voraus war.

Ernest Hemingway und George Orwell

Die Grundlagen seines Denkens liegen im Spanischen Bürgerkrieg, wo er als Zeitungskorrespondent gegen die Faschisten Francos und die deutschen Nazis schrieb. Er teilte das Korrespondentenbüro mit Ernest Hemingway und kannte Eric Arthur Blair persönlich, den späteren "George Orwell". Die anarchistisch-syndikalistischen Widerstandsgruppen gegen den Faschismus inspirierten Kohrs Denken entscheidend. Er wurde dadurch auch ein erbitterter Gegner von Stalinismus und Kommunismus. Spaniens Anarchisten wehrten sich in ihrem Kampf gegen Franco und Hitler auch gegen jede Form der zentralistischen Bevormundung durch Marxisten und forderten unabhängige Dörfer, Städte und Regionen.

Mehr als 15 Millionen Menschen sollte ein Staat nicht haben

Nach Kohrs Ansicht liegt das Wohl des Menschen nicht im permanenten wirtschaftlichen Wachstum, sondern in der Rückkehr zum "menschlichen Maß". Er behauptete, dass hinter allen Formen des sozialen Elends eine einzige Ursache stünde: etwas (Staat, Wirtschaftseinheit, Betrieb, Institution) sei zu groß geworden. Um dies zu untermauern wies er auf die Analogie der Saurier hin, die ebenfalls an ihrer Größe zugrunde gegangen seien. Jede Vereinigung zu einer größtmöglichen Einheit sei die Vorstufe zum Verfall, so Kohr weiter. Als Beispiel führte er bereits damals einen Vielvölkerstaat wie die UdSSR an - heute längst in kleinere Einheiten zerfallen. Ein Staat sollte eine Bevölkerungsgröße von 12 bis 15 Millionen Menschen nicht übersteigen, denn dann würde er seine reibungslose Funktionsfähigkeit verlieren. Der Kontakt der Staatsspitze zur Bevölkerung wäre nicht mehr optimal gewährleistet.

Das "Anguilla-Projekt"

Sein Eintreten für kleine Staaten machte ihn zu einem Kämpfer für die Unabhängigkeit von Wales aber auch von Anguilla, einer kleinen Karibikinsel. Anguilla, zirka 300 km von Puerto Rico entfernt, zählte 6.500 Einwohner und stand gemeinsam mit den Nachbarinseln Nevis und St. Kitts unter britischer Verwaltung. Die Inselbewohner erklärten sich 1967 unabhängig und wiesen dem britischen Gouverneur die Tür. Kohr lehrte damals an der University of Puerto Rico und sah sich berufen den Anguillanern zu helfen.

Mit Hilfe von Freunden in den USA und Kanada organisierte er eine "Staatsgründungsaktion" und machte die Weltöffentlichkeit auf Probleme dieser Insel aufmerksam. Der Bau amerikanischer Großhotels wurde auf Kohrs Rat ebenso verhindert wie die Errichtung einer Basis für Schiffe des griechischen Großreeders Onassis. Die Entwicklung der wirtschaftlichen Möglichkeiten sollte kleinräumig erfolgen. Das "Angiulla-Projekt" wurde allerdings nach zwei Jahren über Initiative der Regierung Wilson in London beendet. Großbritannien setzte sogar Fallschirmjäger gegen die friedliche Bevölkerung ein. Anguilla behielt die eigene Verwaltung, bekam aber wieder einen britischen Gouverneur. Erst 1981 erlangte die Insel endgültig ihre Unabhängigkeit.

Kohrs Herkunft begründet "22-Kilometer-Einheit"

Kohrs Philosophie wurde von seiner Herkunft stark beeinflusst. Auf seinen Geburtsort, den Flachgauer Ort Oberndorf, war er sein Leben lang stolz. Er selbst sagte, dass seine "Urbegriffe" nie global, kontinental oder österreichisch gewesen seien, sondern immer land-salzburgisch. Seine "Urdistanz", das Maß aller Entfernungen, blieb immer jene 22-Kilometer-Einheit, die Oberndorf von der Stadt Salzburg trennt. Gerade, weil sich Kohr seines Herkommens bewusst war und ihn dies mit Stolz erfüllte, war er kein Kleingeist sondern Weltbürger. Ein gewisses Image als "Philosoph der Gartenzwerge" wurde ihm später von Kritikern und Gegnern verpasst.

Abenteuerliches Leben

Leopold Kohr wuchs in Oberndorf auf, besuchte hier die Volksschule und in Salzburg das Gymnasium. In Innsbruck und Wien promovierte der Doppeldoktor in Rechts- und Staatswissenschaften. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen und dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft verließ er aus politischen Gründen Österreich. Über Paris erreichte Kohr auf dem Dampfer "Bremen" noch im Sommer 1938 die Vereinigten Staaten. Hier half ihm der aus Oberndorf stammende Bäcker Lämmermeyer die erste Zeit zu überstehen. Kohr hatte viele Schwierigkeiten, besonders finanzieller Art, zu überwinden. Bei der schweren körperlichen Arbeit in einem kanadischen Goldbergwerk erlitt er einen Hörsturz. Doch bald knüpfte Kohr viele Kontakte zu amerikanischen Intellektuellen und Auslandsösterreichern. In der "Österreich-Frei-Bewegung" setzte er sich mit bürgerlichen, linksgerichteten und monarchistischen Österreichern für die Befreiung seines Heimatlandes vom Terror in- und ausländischer Nationalsozialisten ein. Bei seinen Bemühungen um die Freiheit Österreichs verwies Kohr als Journalist und Vortragender in Nordamerika immer wieder auf das reiche kulturelle Erbe des kleinen Österreich im Herzen Europas.

Mit der New York Times gegen die Nazis

Besonders zur Weihnachtszeit verwendete er dazu die Entstehungsgeschichte des Weihnachtsliedes "Stille Nacht, Heilige Nacht" aus dem frühen 19. Jahrhundert. Durch seine Artikel erfuhren viele US-Amerikaner und Kanadier, woher dieses Lied überhaupt kam - nämlich aus Kohrs Heimatgemeinde Oberndorf bei Salzburg. Gleichzeitig machte er die kulturellen Leistungen des alten Österreich und seinen Willen zur Selbständigkeit bewusst. Er forderte die USA zum verstärkten Kampf gegen Hitler auf und schrieb Leitartikel für die New York Times, die Washington Post und die Los Angeles Times. Er beschrieb während des Zweiten Weltkrieges den biographischen, sozialen und ökonomischen Hintergrund Hitlers und seiner Komplizen im Detail. Kohr stammte nämlich aus einer Gegend, die von Braunau, der Geburtsstadt Hitlers nur 30 km entfernt ist.

Heimkehr

1943 begann Kohr mit seiner Lehrtätigkeit an Universitäten in den USA, Puerto Rico und später in Aberystwyth/Wales sowie England. Die Verleihung des Alternativen Nobelpreises an Kohr im Jahre 1983 in Stockholm rückten ihn und seine Thesen dann wieder in das Bewusstsein der österreichischen Öffentlichkeit. 1986 kam es in Neukirchen am Großvenediger zur Gründung der "Leopold Kohr Akademie", die sich bis heute erfolgreich um die Verbreitung von Kohrs Ideen kümmert. Auch der Kontakt zu seiner Heimatgemeinde Oberndorf riss nie ab. Im Sommer 1993 beabsichtigte Kohr, nach Oberndorf heimzukehren. In der Pension "Salzachhof" in der Brückenstraße sollte eine Dachwohnung bezogen werden. Bevor er dieses Vorhaben aber verwirklichen konnte, starb er am 26. Februar 1994 in seiner englischen Wahlheimat.

Seine letzte Ruhestätte fand Leopold Kohr im Familiengrab am Oberndorfer Ortsfriedhof.
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Mehr über Leben und Werk:
Lehner, Gerald: Biographie des Philosophen und Ökonomen Leopold Kohr.
Deuticke, Wien 1994.
Small is Beautiful: Ausgewählte Schriften aus dem Gesamtwerk.
Deuticke, Wien 1995.
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